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Reisebericht Mongolei 1

  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Ritual mit einer Burjat-Schamanin.



Der Himmel entscheidet


«Wenn es dein sein soll, werde ich da sein und sonst nicht.» war die Antwort des Hauptschamanen gewesen, als wir vorab mit ihm einen Termin hatten zu vereinbaren versuchen.


Als wir nach vier Tagen über Holperstrassen durch die endlose Steppe der Ostmongolei von Ulaanbaatar entlang vieler Kraftorte wie dem Geburtsort von Dschingis Khan endlich das Zentrum erreichten, war der Hauptschamane nicht da. Eine Schülerin empfing uns höflich und zeigte uns geduldig die wenigen aber schön geschmückten Gebäude. Hier wird der Schamanismus noch wie vor hunderten von Jahren streng buddhistisch praktiziert, und auch heutzutage muss bei der Einweihung noch barfuss eine Leiter mit Stufen aus Schwertern hochgeklettert werden, um die Tiefe der Trance zu beweisen.


Als ich erwähnte, ich sei nicht für die Touristenführung hier sondern weil ich Heilung suchte wies mich die Schamanin an, nächstes Jahr wiederzukommen. Später kontaktierte sie dann aber doch den Hauptschamanen, es folgte ein kurzes Reading per WhatsApp und sein Entschluss, das für mich doch ein Ahnenritual nötig sei und sie es durchführen solle. Die Schülerin lächelte geheimnisvoll und gab zu, die Schamanin in mir gleich erkannt zu haben. Auch habe sie Zeichen bekommen: Am Morgen sei eine kleine Schar Vögel aufgetaucht, deren Spezies sie nur selten sehen würde und unter ihnen sei ein ganz besonders exotischer Vogel gewesen. Also hätte sie sicherheitshalber einen Mittagsschlaf gemacht um Kraft zu tanken, bevor der exotische Vogel in Form einer Schweizerin aus dem Auto stieg.


Stattfinden sollte das vierstündige Ritual am folgenden Vormittag, ich solle doch aber bitte abends und frühmorgens zum Vorgebet erscheinen.



So lange die Kerze brennt


Nachdem wir unsere Zelte aufgebaut und zu Abend gegessen hatten fand ich mich pünktlich zum Abendgebet vor der Schamanenjurte ein und wurde ausgiebig geräuchert. Anschliessend zeigte mir die Schamanin ihre Auswahl an Kerzengefässen und bat mich, eine Grösse zu wählen. Keine Ahnung habend, wie lange die Kerze brennen würde entschied ich mich für eine Mittlere. Sie rollte aus leichtem Stoff einen Docht, befüllte das Gefäss mit erhitztem Butteröl, stellte die Kerze mit einem Feuerzeug daneben auf den Altar und wies mich an, ich solle bleiben, bis die Kerze abgebrannt sei. Sie zeigte auf einen kleinen Schemmel doch da die Schamanen hier beim Beten knien wählte ich stattdessen den Erdboden. Sie lächelte, gab mir einen dünnen Filzstoff für unter die Knie und meinte: «Ich zeige dir jetzt, wie wir beten. Danach machst du es so wie es für dich stimmt. Wir haben ja alle den gleichen Himmel!»


Mit dem Blick auf den Altar gerichtet konnte ich im Augenwinkel gerade noch das Zifferblatt einer Uhr sehen. Den Ölpegelstand mit der Zeit vergleichend konnte ich bald eruieren, dass die Kerze um die sechs Stunden brennen würde. Doch um mir um meine Knie Sorgen zu machen blieb nur wenig Zeit, denn schon kurz nach dem Anzünden füllte sich der Raum mit Licht und vor meinem geistigen Auge erschienen alle dreizehn Ahnen-Clan-Führer der Burjaten, die mich herzlich willkommen hiessen. Feinstofflich arbeiteten sie mit Erlaubnis meiner Geistführer an mir und später zeigten sich einige meiner physischen Vorfahren, die nacheinander in meinen Körper fuhren, diesen so reinigten und dabei mit mir sprachen. Dabei kamen auch Worte aus meinem Mund, die teils Deutsch und teils Mongolisch waren, obwohl ich Letzteres gar nicht spreche. Jedes Mal, wenn ich in Trance fiel, hörte ich die Schamanin hinter mir laut beten. Sicher hatte sie mich als fremde Schweizerin ohne viel Ahnung von ihrer Tradition erst beobachten und vielleicht auch kontrollieren wollen, doch schon bald war sie mit Herz und Seele dabei, den Raum zu halten.


Als gegen drei Uhr morgens die Kerze erlosch war ich traurig, denn das Erlebnis war so schön gewesen. Aufstehen konnte ich jedoch nicht ohne Hilfe.



Zusammenarbeit in Licht und Liebe


Die Erholung war kurz, denn um vier musste ich zum Morgengebet erscheinen. Bevor wir loslegten wollte die Schamanin aber wissen, was ich während des nächtlichen Gebets gesehen und erfahren hatte. Als ich ihr erzählte, der sechste Ahnen-Clan-Führer von links auf ihrem selbstgemalten Bild hätte am längsten und intensivsten an mir gearbeitet musste sie lachen und erklärte, ihm seien die Rinder zugeordnet. Als ihre Familie am Abend vorher ihre Rinder zu den Gebäuden holten seien diese nicht wie sonst direkt zu ihrem Pferch gegangen, sondern stattdessen zu diesem Gebäude gekommen und hätten intensiv ihre Hörner daran gewetzt. Ich hatte das während des Gebetes zwar gehört, mir aber nichts dabei gedacht.


Nach einem Stück Brot zur Stärkung wurde die Kerze fürs Morgengebet vorbereitet. Diesmal wählte die Schamanin die Grösse und so dauerte dieses nur drei Stunden. Es verlief wesentlich ruhiger und friedlicher als mein erstes Gebet, wohl auch weil ich körperlich schon recht müde war.


Danach gab es eine Stunde Pause. Ich durfte frühstücken und die Schamanin bereitete in dieser Zeit die Opfergaben vor, zu denen ich den dafür mitgebrauchten Vodka, Kekse, Körner und etwas Schweizer Schokolade beisteuerte.


Als ich fürs eigentliche Ritual zurückkam hatte die Schamanin schon die einzelnen Elemente der Opfergaben mit Butter zusammengeklebt, damit ordentliche Türmchen gebaut und diese auf dem Altar platziert, ihren Schamanenumhang aus Tierfellen mit Stoffstreifen angezogen und die grosse Trommel vorbereitet.


Nahe neben mir sitzend rezitierte sie mit voller Hingabe je 108mal ihre Mantren, Taranis (Sprüche) und Yörööle (Segenswünsche) erst mit der Trommel, dann mit der Glocke und dann erneut mit der Trommel. Auf mich wirkte dies äusserst intensiv und obwohl ich die Worte nicht verstand, konnte ich ihre reinigende Wirkung physisch in meinem Körper arbeiten fühlen, sodass ich mehrmals intensiv Husten und mich fast übergeben musste. Dabei kam ich fast an meine Grenzen: Die intensive Energie, die jetzt schreienden Knie und das über Stunden immer und immer wieder Vorbeugen-und-Aufsetzen war für mich als völlig Untrainierte zur Qual geworden. Das Einzige, was mich von Aufgeben abhielt war die Schamanin, die mit voller Hingabe betete, dabei ihr Herz ausschüttete und die ich für dieses riesige Geschenk nicht enttäuschen wollte. Die Zeit kroch nun dahin und ich war erleichtert, als wir fertig waren. Bis ich meine Beine wieder bewegen konnte brauchte ich mehrere Minuten und als ich anschliessend die Opfergaben nach draussen brachte, zitterte ich noch immer so stark, dass ich mich echt zusammenreissen musste, um nicht hinzufallen.


Der zentrale Teil bestand darin, die Milch aus einer Schale in den Himmel zu schleudern. Ein Windstoss trug sie fort und so konnte die Schamanin erleichtert verkünden, dass das Opfer angenommen worden war. Darüber war ich sehr glücklich, denn eine Wiederholung des Rituals wäre mir zu viel gewesen. Den Beweis, dass die Geister zufrieden waren, hatte ich aber schon darin gesehen, dass sie alle gekommen waren um mir die vielen wundervollen Visionen und Eingebungen zu schenken.



Unerwartete Einweihung


Danach wollte die Schamanin sicherstellen, dass die Energie des Rituales auch bei mir zu Hause verankert werden konnte und nahm sich nochmals eine Stunde Zeit, um erst meinen Heimatberg und dann meine Heimatquelle anzurufen.


Anschliessend erzählte sie mir ausführlich von ihren Eingebungen und sagte mir, dass dieses Ritual und die Zusammenarbeit mit mir sie sehr berührt habe. Es sei das intensivste Ritual seit langem gewesen und sie hätte nie erwartet, dass eine Schweizerin bis hierherkommen und nicht nur die vielen Stunden durchhalten, sondern auch noch mit solcher Intensivität beten würde, dass ihr ihre Geister derart viel zeigen würden. Sie konnte mir bestätigen, dass aus dem eigentlich zur Reinigung und Stärkung geplanten Ritual eine Einweihung geworden war und ich die Erlaubnis bekommen hatte, nicht nur weiterhin für mich mit den dreizehn Ahnen-Clan-Führer arbeiten, sondern sie auch anzurufen, wenn ich mit Kunden arbeite. Eine riesige Ehre für mich als Auswärtige und ein äusserst kraftvolles Geschenk!



«Wir haben alle den gleichen Himmel.»


Als physisches Geschenk gab mir die Schamanin einen geweihten Kerzenhalter mit, damit ich bei mir Zuhause darin Butterölkerzen für die Ahnen anzünden könne. Dies berührte nicht nur mich sehr, sondern auch meine mongolischen Mitreisenden, denn solche Kerzenhalter werden hier normalerweise nur in der engsten Familie weitergegeben.


Anschliessend lud uns die Schamanin noch zum Essen ein. Servieren konnte sie uns allerdings nur Brot und Marmelade und entschuldigte sich dafür, keine Zeit zum Kochen zu haben. Natürlich nicht, denn über die vielen Stunden, in den ich mit meinen Knien gekämpft und meine Visionen genossen hatte hatte diese Frau hinter oder neben mir gesessen, singend und betend den Raum gehalten und alle Barrieren von Herkunft, Sprache, Tradition und Religion transzendierend diese hochschwingende Energie aus Licht, Liebe und Heilung ermöglicht.


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