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Reisebericht Mongolei 2

vor 6 Stunden
5 Min. Lesezeit

Beim Schamanen der letzten Rentiernomaden.



Das Volk der Tsaatan


In den abgelegenen Taiga-Wäldern nahe der Grenze zu Sibirien leben noch etwa vierzig Familien vom Volk der Tsaatan oder Dukha ihre traditionelle Rentiernomaden-Lebensweise: Mit ihren Herden ziehen sie von Weideplatz zu Weideplatz und leben in einfachen Tipi ähnlichen Zelten. Die Rentiere liefern Milch, dienen als Reit- und Transporttiere und sind ein wichtiger Teil ihrer Kultur und Identität. Obwohl bemüht ihre Sprache, Traditionen und ihr Wissen über die Taiga an die nächste Generation weiter zu geben, entscheiden sich immer mehr aufgrund von Klimawandel, der Einschränkung von Jagd- und Lebensraum durch staatliche Schutzbestimmungen, der schrumpfenden Zahl der Rentierherden und harten Lebensbedingungen für ein moderneres Leben in Stadtnähe.



Besuch im Traum


Für den zweiten Teil meines Mongolei-Abenteuers war eine Reise zu den Tsaatan geplant, jedoch ohne Schamanenbesuch. Ein paar Tage vorher erschien mir jedoch eine Gestalt im Traum: Sie stellte sich als eine Ahnin des Schamanen vor und sagte, dass ich ihn treffen würde, ihm jedoch Zeit geben solle. Er sei verschlossen, würde mir schliesslich aber doch helfen.



Anreise


Erreicht werden können die Tsaatan durch einen Inlandflug von Ulaanbaatar nach Murun, gefolgt von fast zwei Tagen Jeepfahrt auf Feldstrassen und schliesslich einem Tagesritt über den Pass.


Die kleinen aber starken und äusserst trittsicheren mongolischen Pferde brachten uns wohlbehalten durch die sumpfige Taiga des Berghanges. In unserem Gepäck befanden sich Küchenutensilien, Messer, Medikamente, Süssigkeiten, frisches Obst und Gemüse als Geschenke für die Nomaden. Unsere Campingausrüstung hatten wir zurückgelassen, denn wild zu zelten wäre hier wegen Wölfen und Bären sowieso zu gefährlich.


Als wir nach einem Achtstundenritt das erste Tsaatan-Camp hinter dem Pass erreichten, wurde es bereits dunkel. Jene Familie begrüsste uns herzlich und stellte unser eines ihrer Tipis für die Nacht zur Verfügung. Meine Übersetzerin erzählte von meinem Interesse an Schamanismus und so wurde am nächsten Morgen der einzige Schamane per Walkie-Takie kontaktiert: Wie es der «Zufall» wollte, war er gerade ganz in der Nähe. Er werde am nächsten Tag mit seiner Familie weiter in ihr Herbstquartier ziehen, hätte aber heute Zeit und gerne könnten wir kommen und bei ihnen im Zelt übernachten.



Beim Schamanen


Das Zelt stand auf einer windexponierten Anhöhe. Nach dem Ritt durch Wind, Regen und Kälte freuten wir uns sehr über den herzlichen Empfang mit Milchtee, Brot und getrocknetem Quark. Der Schamane wie seine Frau waren äusserst offen und herzlich, und schon bald spielten wir mit ihren beiden noch jungen Kindern, die uns voller Stolz ihre Lieblingsrentiere und Reitkünste zeigten. Sie erzählten viel über ihr Nomadenleben mit ihren Rentieren und Pferden, nur bezüglich Schamanismus blieb der Schamane sehr wortkarg. Es sei die falsche Zeit im Mondmonat, um den Ahnen zu kontaktieren, meinte er.


Als meine Übersetzerin ein paar Stunden später nochmals nachfragte, ob nicht doch ein Ritual stattfinden könne erklärte er, dass er gegenüber Auswärtigen vorsichtig sei: Schon einige seien mit dem Wunsch gekommen, von ihm zu lernen, hätten aber nicht das Herz dafür gehabt. Letztes Jahr hätte ihm ein Team viel Geld angeboten, damit er ein Ritual für sie mache und sie es filmen dürfen. Er habe abgelehnt und sie weggeschickt, doch kurz darauf seien sie mit einem Schamanen einer anderen Völkergruppe wieder gekommen, hätten das Ritual gemacht und gefilmt. Bestürzt von diesen Äusserungen, erklärte ich, dass ich nicht um Lernen gekommen sei, sondern Heilung suche. Danach schweifte das Gespräch wieder vom Thema ab.


Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wurden die freilaufenden Rentiere eingesammelt und in Zeltnähe für die Nacht festgebunden. Nach dem Abendessen wurde dann aber doch die grosse Schamanentrommel aus der Tasche geholt und zum Aufwärmen an den Ofen gestellt, was meine Hoffnung steigen liess. Wir redeten weiter, doch eigentlich warteten wir.



Das Ritual


Kurz nach Mitternacht war es dann soweit: Der Schamane fragte, ob ich Opfergaben mitgebracht hätte und so holte ich die extra dafür mitgeschleppte Flasche Wodka und Kekse aus meinem Rucksack.


Im Schein einer einzigen Kerze, damit ich nur die Umrisse sehen konnte, zog der Schamane seine Stiefel und den Mantel an, räucherte die Trommel und begann zu trommeln und zu singen. Mal an Ort und Stelle gehend mal laufend, sich immer wieder lange um sich selbst drehend trommelte er sich in Trance. In den folgenden intensiven zwei Stunden gab es viele wilde und einige ruhigere Phasen, doch seine Frau wusste immer, was zu tun war und gab Anweisungen. Einmal sollte ich mich vor ihm auf den Boden legen, wurde bebetet und ausgetrommelt, dann etwas Rentiermilch trinken, dann wieder etwas weiter weg hinsetzen. Immer wieder peitschten mich die Stofftücher seiner Kraftgegenstände und des Gewandes, manchmal flog der Trommelschlegel in meine Richtung und einmal gar eine Schale Milch. Nie verletzend, sondern kraftvoll reinigend. Im schwachen Licht die Umrisse dieses riesigen tanzenden Mannes betrachtend schien er sich immer wieder zu verwandeln, mit dem Gewand mit Tierknochen und Tüchern sowie der Maske mit Federn erschien er oft mehr Vogel als Mensch zu sein. Wir mussten aufpassen, dass er im engen Zelt beim Drehen nicht zu nah an den heissen Ofen kam. Nach über zwei Stunden brach seine Frau schliesslich seine Trance ab, der Schamane konnte nicht alleine stehen und musste von zwei Männern gestützt werden. Seine Frau benötigte eine weitere halbe Stunde, um ihn aus seiner tiefen Trance zurückzuholen.


Danach setzten wir uns auf den Boden. Seine Frau schenkte Milchtee ein reichte jedem einer der geweihten Kekse. Dann erzählte der Schamane mit ruhiger Stimme, was er gesehen hatte und welches Ritual ich bei mir zu Hause durchführen sollte. Wohl sprach ein Ahne durch ihn, denn er benutze eine alte Sprache und was er sagte musste erst seine Frau erläutern, damit meine Übersetzerin verstand und ins Deutsche übersetzen konnte.


Gegen vier Uhr morgens legten wir uns schliesslich schlafen. Ich war ziemlich durchgefroren, denn an heisse Sommertemperaturen gewöhnt forderten mich diese fast null Grad mit Regen und starkem Wind heraus, schliesslich bestand das Tipi nur aus Zeltstangen und Planen, war oben und unten offen. Doch die Frau des Schamanen packte uns alle mütterlich in mehrere warme Decken, bevor sie sich selbst schlafen legte.



Weiter


Bereits zwei Stunden später begann der Tag, der Ofen wurde eingezeizt und die Rentiere gemolken. Über das nächtliche Ritual wurde nicht mehr gesprochen. Wir boten der Familie an, beim Packen zu helfen und es war sehr eindrücklich, wie sie ihr gesamtes Hab und Gut in etwa zwanzig Taschen aus Rentierhaut verstauten, die ältesten ihrer Rentiere sattelten, den Ofen auseinandernahmen, alle Teile inklusive Rohre in Decken wickelten und auf den Tieren festbanden, dazu die Kochtöpfe, Motorsäge und Taschen mit Schamanentrommel und Gewand. Als einige Stunden später alles gepackt war bestiegen die Eltern zwei Pferde, die Kinder ihre Rentiere. Zurück blieben einzig die Zeltstangen, fürs nächste Jahr. An diesem Tag würden die vier etwa sechs Stunden unterwegs sein und dann noch vor Tagesende ihr Zuhause neu errichten.



Die Zukunft?


Dass mir nicht nur das riesige Geschenk zu teil wurde, diese nette Familie und ihre harte Lebensweise kennen zu lernen, sondern darüber hinaus auch dieses kraftvolle Ritual erleben zu dürfen hat mich tief berührt. Was genau dieser Schamane in Trance unternommen hatte weiss ich nicht, doch seither sind meine chronischen Rückenschmerzen weg.


Wie aber wird seine Zukunft aussehen? Man geht davon aus, dass die traditionelle Lebensweise der Rentiernomaden in den nächsten Jahren komplett aufgegeben werden wird. Was passiert mit dem schamanischen Wissen? Wird dieser Schamane der fünften Generation sein Wissen noch an eines seiner Kinder weitergeben können? Und werden diese die Tradition weiterführen können? Wo und für wen?


Dass es wohl nicht mehr viele geben wird, die erleben werden, was ich erleben durfte, macht dieses Erlebnis umso wertvoller.


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